Perspektive: Studierende, Dozierende
Hier schildern zwei ganz besondere Zeitzeugen Eindrücke aus der Anfangszeit der Universität Passau:
Der erste Doktorand, Herr Prof. Dr. Franz-Reiner Erkens, und die ehemalige Studentin mit der Matrikelnummer 01, Frau Regina Nagler, geb. Bauhoffer.
Der erste Doktorand
Prof. Dr. Franz-Reiner Erkens hat Geschichte und Germanistik in Köln studiert und dort auch sein erstes Staatsexamen abgelegt. In Köln nahm er seine Promotion auf und stellte sie dort auch fertig. Das Promotionsverfahren wurde aber nicht in Köln, sondern an der Universität in Passau abgeschlossen. Dies geschah, weil der Doktorvater von Prof. Dr. Erkens nach Passau gerufen wurde und der Doktorand als Mitarbeiter mit ihm mitgegangen ist.
Die Universität Passau signalisierte dann schnell, dass sie es begrüßen würde, so früh schon einen Doktoranden zu haben. Da die Universität sich noch im Aufbau befand, gab es bis dato noch keine Promotionsordnung. Es mussten erst einmal die formalen Voraussetzungen geschaffen werden und dies dauerte ein ganzes Jahr. Nachdem alle Voraussetzungen geschaffen waren, konnte das Promotionsverfahren durchgeführt werden und Prof. Dr. Erkens wurde somit der erste Promovend der Fakultät.
Vorstellung.pdf (Transkript)Prof. Dr. Erkens hat in den Jahren 1993 bis 2003 die Universität für ein Jahrzehnt verlassen, um an der Leipziger Universität den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte zu übernehmen. Dort wurde er auch der erste Dekan einer neu gegründeten Fakultät für Geschichte, Orient- und Kunstwissenschaften. 2003 kam Prof. Dr. Erkens wieder an die Universität Passau zurück, um seinem Doktorvater nachzufolgen und wurde somit Ordinarius für Mittelalterliche Geschichte in Passau.
Prof. Dr. Erkens scherzt, dass er jetzt im 94. Semester sei und somit praktisch eine nahtlose Karriere vom Studenten zum Lehrstuhlinhaber gemacht hat. Er hat insgesamt 47 Jahre an drei verschieden Universitäten verbracht - die meiste Zeit davon, nämlich 56 Semester, an der Universität Passau.
Eine durchgehende Universitätskarriere.pdf (Transkript)Gerade in der Aufbauphase der Universität wäre es gar nicht möglich gewesen, für die verschiedenen Fächer jeweils noch extra Bibliotheken aufzubauen. Es war für die Universität von praktischem Vorteil, dass es zu Beginn wenige Studenten gab, weil dadurch der organisatorische Aufbau zügiger vorangetrieben werden konnte. In seinem ersten Semester in Passau wurde der Lehrstuhl - so, wie die ganze Fakultät - in Wohnungen alter Häuser untergebracht, die heute der zentralen Veraltung der Universität mit dem angrenzenden Sportgelände gewichen sind.
Dort in der Nähe befanden sich leerstehende Kühlräume und ein Schlachthof. Die Bibliothekare der Universität waren damals so firm und mit Herzblut dabei, dass sie es schafften, in den leerstehenden Kühlräumen Präsenzbibliotheken unterzubringen.
Kühlräume als Bibliotheksmagazine.pdf (Transkript)Außer als Lehrstuhlinhaber der Mittelalterlichen Geschichte an der Universität Passau war Prof. Dr. Erkens auch in verschiedenen anderen Bereichen tätig und wird es auch im Ruhestand noch sein. Er ist Mitglied der Kommission für Bayerische Landesgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und sitzt im Beirat des historischen Lexikons Bayern.
Da stellt sich mir als (interviewende) Studentin schon die Frage, wie man all diese Sachen gleichzeitig jonglieren kann. Prof. Dr. Erkens Antwort darauf ist sehr gradlinig. Laut ihm ist es wichtig, dass man Interesse an den Dingen hat und gut organisiert ist. Man braucht also eine gewisse Arbeitsordnung und man sollte die Tätigkeiten nicht als Belastungen empfinden, sondern als Vergnügen. Prof. Dr. Erkens spricht zudem an, dass er von Haus aus ja Mittelalterhistoriker ist und dass es im Mittelalter so war, dass man verschiedene Bereich nicht trennen konnte - und somit Mittelalterhistoriker an ein gewisses Multitasking gewohnt sind.
Tipps für Studenten zum Thema Multitasking.pdf (Transkript)Prof. Dr. Erkens hat immer sehr gerne unterrichtet und diese Tätigkeit wird er auch in seinem Ruhestand vermissen. Präsent an der Universität wird er dennoch durch Vorträge sein, wobei er hier auch schon für das nächste halbe Jahr ausgebucht ist. Zudem kann er kann sich verstärkt der Forschung widmen.
Dadurch, dass Prof. Dr. Erkens sein Hobby zum Beruf gemacht hat und stark mit dem Institut für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen (IKON) an der Universität Passau verwurzelt ist, bleibt er gerade in diesen Bereichen auch noch weiterhin präsent.
Ruhestand.pdf (Transkript)Die Studentin mit der Matrikelnummer 01
Regina Nagler schätzte die Zeit sehr, als die Universität noch klein war und dort eine familiäre Atmosphäre herrschte. Studenten wurden damals gewissermaßen an die Hand genommen. Da es noch nicht viele Professoren und Studenten gab, kannte man sich relativ schnell untereinander. Gerade den Kontakt zwischen Studenten und Professoren schätze Frau Nagler sehr. Sie hofft, dass die Universität auch weiterhin "ein Juwel" bleibt!
Eine heimatverbundene Studentin.pdf (Transkript)Eine familiäre Universität.pdf (Transkript)
Abiturienten mussten regulär an die Zentrale Vergabestelle schreiben, um einen Studienplatz zu erhalten. Von dort aus wurden die angehenden Studierenden - mehr oder weniger willkürlich - auf Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland verteilt. Jede Universität hatte eine bestimmte Anzahl je nach Fach zu vergebender Studienplätze. In Passau gab es fünf solche Plätze im Studienfach von Frau Nagler.
Sie wusste dies, nahm all ihren Mut zusammen und ließ sich einen Termin beim damaligen Präsidenten geben. Ihm erzählte sie, dass Passau ihre Heimatstadt sei und sie nicht woanders hin wollen würde. Ihr Selbstbewusstsein und ihre direkte Art zahlten sich aus, da sie im Anschluss nicht nur irgendeine der fünf offenen Stellen bekommen hat, sondern die erste offizielle Studentin der Universität Passau wurde.
Mit Mut und Selbstbewusstsein zur ersten Studentin.pdf(Transkript)Für Hausarbeiten recherchierte man in der Bibliothek, danach wurde die Arbeit an der Schreibmaschine zu Hause getippt. Das hieß im "analogen Zeitalter" auch, immer genügend Druck auf die Tasten auszuüben, bei Fehlern die ganze DIN A4-Seite neu schreiben zu müssen und keine neuen Informationen nachträglich einfügen zu können. Frau Nagler meint, wir heutigen Studenten hätten es mit unseren Laptops einfacher - aber auch schwerer, da uns so eine Unmenge an Wissen zur Verfügung steht.
Manches hat sich aber nicht verändert: Schon früher wurde viel in der Bibliothek gelernt. Auch zu Frau Naglers Studienzeit gab es schon Studenten, die - gerade während der Klausurenphase - Bücher in der Bibliothek versteckt haben, um sie am nächsten Tag wieder "bequem" benutzen zu können.
Und auch die am Semesterbeginn vollen Vorlesungen und am Semesterende leeren Vorlesungssäle gab es. Genau wie heute, drängten sich früher am Anfang viele Studenten in die Veranstaltungen und während dem laufenden Semester schrumpfte die Zahl um die Hälfte. Erst vor den Prüfungen fanden und finden viele der Studenten ihren Weg zurück zur Vorlesung oder ins Seminar.
Lernen, Klausuren und Hausarbeiten.pdf (Transkript)Studenten sind und bleiben Studenten.pdf (Transkript)
Auf die Frage, ob sich Frau Nagler vorstellen könnte, noch einmal zu studieren, antwortet sie mit einem Ja. Wenn sie sich heutzutage noch einmal entscheiden müsste, was sie studieren möchte - mit dem jetzigen Studienangebot der Universität - würde Frau Nagler zwischen Jura und Lehramt schwanken. Jura zu studieren war, laut Regina Naglers Aussage, wirklich schön, aber Lehramt und Philosophie hätten ihr auch Spaß gemacht.
Frau Nagler dachte immer, dass sie in der Rente wieder studieren möchte, aber heute befürchtete sie, dass sie die doppelte Zeit brauchen würde für ein komplettes Studium. Sie spielt jetzt mit dem Gedanken, vielleicht ein "Hobbysemester" zu belegen. Vielleicht trifft man die Studentin mit der Matrikelnummer 01 in naher Zukunft wieder auf dem Campus?
Matrikelnummer 01.pdf (Transkript)