"Hinten" am Innufer, etwa auf der Höhe des heutigen Passauer Klinikums, lag früher die ehemalige Maierhofkaserne. Ende der 1970er Jahre bezogen Studenten den unsanierten Gebäudekomplex. Anfangs galt er nur als billiger, unkomfortabler Wohnraum - doch das änderte sich.

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Abbildung aus dem UniMagazin 04/2008, S. 16. Artikel "Schwerpunkt Geschichte: Passauer Studenten-Ghetto: Pulsierendes Leben im Dorf" (Foto: Thomas Warmuth)

Schon der Begriff Studenten-Ghetto verweist auf den Imagewechsel: Die Bezeichnung kam aus der Studierendenschaft selbst und bezog sich zuerst auf die von der Passauer Innenstadt abgelegene Situation und die homogene Mieterstruktur.

Ab den frühen 1980er Jahren wurde das Areal aber positiv aufgeladen als kreativer Freiraum mit familiärer Atmosphäre. Auch Mitarbeiter der Universität zogen ein. Das Studenten-Ghetto stand jetzt für eine gewisse geistige Offenheit - vergleichbar etwa dem urbanen Studentendorf in der Münchner Olympiastadt.

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Abbildung aus dem UniMagazin 04/2008, S. 16. Artikel "Schwerpunkt Geschichte: Passauer Studenten-Ghetto: Pulsierendes Leben im Dorf" (Foto: Thomas Warmuth)

Doch die Tage des Studenten-Ghettos waren gezählt. Es handelte sich bei der Vermietung des alten, nicht mehr zur Sanierung vorgesehenen Gebäudebestands um eine Zwischennutzung - der Bereich war schon 1976 als Baugrund für eine Sportanlage vorgesehen gewesen. Die Umsetzung dieses Vorhabens wurde ab Mitte der 1980er Jahre in die Wege geleitet, eine Verzögerung war knappen Kassen geschuldet.

1985 sammelte der "Arbeitskreis gegen den Ghettoabriss" in einem Jahr 2.000 Unterschriften.

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Abbildung aus dem UniMagazin 04/2008, S. 17. Artikel "Schwerpunkt Geschichte: Passauer Studenten-Ghetto: Pulsierendes Leben im Dorf" (Foto: Ludwig Bloch)

1995 kam es dann nach Protesten, die auch überregional wahrgenommen wurden, zum Abriss. Medial besonders spektakulär war in diesem Jahr eine Folge aus der Sendereihe "Live aus dem Schlachthof" des Bayerischen Rundfunks. Als Vertreter der Position der Universität Passau stellte sich der damalige Vizekanzler Ludwig Bloch einer Diskussion mit Abrissgegnern. Auch dadurch wurde sein Name gewissermaßen symbolisch aufgeladen.

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Homepage des Museum Moderner Kunst Passau Wörlen, Startseite (Ausschnitt; letzter Zugriff am 24.08.2018). Das Motiv zeigt einen Ausschnitt aus: Max Lindner, Nummer 62, 1987, Edition Ghetto

Damals wie heute gibt es Stimmen, die die Maßnahme des Abrisses weniger pragmatisch als ideologisch begründet sehen; sie meinen, dass aus dem konservativ-katholisch geprägten Passau ein Hort linken Gedankenguts verschwinden sollte.

Auch zum Zeitpunkt, als das Digitale Uni-Museum online geht, gibt es Diskurse zum Thema Studenten-Ghetto: Das Museum Moderner Kunst Passau Wörlen zeigt in seiner Ausstellung "Poesie und Prosa - Bilder aus der Sammlung des MMK" (10.02.2018 - 31.12.2018) die sogenannte Ghetto-Mappe, eine Schenkung des Ehepaars Hacker aus Salzweg 2015. Die "Edition Ghetto" versammelt Werke von Künstlern wie Max Lindner und Max Kanior, die sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mit der Thematik Studenten-Ghetto auseinandersetzten - und mit dem Resonanzkörper Passau.