Der Jahresbericht 1932/33
Das eigentlich in dieser Quelle intendierte nüchtern-informative Auflisten und Berichten bildet einen reizvollen Kontrast zum sehr lebendigen Alltagsleben, das sich zwischen den Zeilen herauslesen lässt.
Weder die äußere Form, noch ein erster flüchtiger Blick auf den Inhalt des Jahresberichts lassen das allerdings erahnen: Ein dünnes Heftchen Schreibmaschinenpapiers von schlechter Qualität scheint, teils unter recht abenteuerlicher Rechtschreibung, eine verwischte Aufzählung von Professoren und Studenten der beiden Semester zu beinhalten.
Die Besonderheit des Berichts offenbart sich erst nach und nach: Ab dem letzten Drittel des Hefts bietet sich ein zunehmend rührendes Bild bürokratisch-universitärer Verschrobenheit. So wird die Errichtung einer gemeinsamen Grabstätte für das Professorenkollegium in einem halben Satz abgehandelt, während die sicherlich deutlich preiswertere Aufhängung von Garderobenhaken in einem einzigen Stockwerk halbseitig (!) in ihrer Bedeutung für den Jahresetat gerechtfertigt werden muss. Aber nicht nur die Niederungen akademischer Verwaltung erscheinen durch die Lektüre in einem neuen Licht:
Natürlich sind die Jahre 1932 und ganz besonders 1933 Schicksalsjahre in der jüngeren deutschen Geschichte, und auch die Philosophisch-Theologische Hochschule konnte von den Ereignissen nicht unberührt bleiben. Selbst in unpolitischen Begebenheiten und nüchternen Bekanntmachungen des Jahresberichts blitzt die zunehmende Nationalisierung der gesamten Republik hervor. Sei es der verstorbene Kollege, der in aufgeregter militärisch-knackiger Sprache als Führer des Kampfes zur Verbreitung des „Deutschtums in der
Tschechoslowakei“ gelobt wird, oder seien es Feiertage und Gedenkveranstaltungen, die nahtlos in Lobpreisungen des „vaterländischen“ Nationalismus übergehen – zunehmend völkische Töne klingen (noch) dezent, aber deutlich heraus.
Der weitere Weg der Philosophisch-Theologischen Hochschule lässt sich denn auch nachzeichnen, selbst, wenn die Geschehnisse der folgenden Jahre natürlicherweise nicht mehr im Jahresbericht von 1932/33 Erwähnung finden können.
Er findet sein vorläufiges Ende in der Schließung der Hochschule nur Wochen nach Kriegsbeginn 1939, die bis nach Kriegsende 1945 andauern sollte – keine der Zäsuren, welche die Geschichte des Hochschulstandortes Passau prägten, erwies sich als so einschneidend und zugleich existenzbedrohlich wie der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.
Das unausblendbare Wissen um diese Ereignisse, die 1933 zur Zeit der Anfertigung des Jahresberichtes noch weit entfernt scheinen und doch schon ganz nah sind, lässt den nachgeborenen Betrachter den abschließenden, auch heute noch aktuellen Wunsch der Verfasser dennoch nur umso bitterer empfinden: „Möge die Hochschule in ein neues Jahrhundert der Blüte eintreten“.